Trotz Corona im Zeitplan

Gesundheit und Politik

Thomas Jenzen, Projektleiter bei der gematik
Medizinische Anwendungen der Telematikinfrastruktur kommen bald. Da ist sich Thomas Jenzen sicher. Erste Feldtests verlaufen auch unter den verschärften Bedingungen der Corona-Pandemie planmäßig. Noch im zweiten Quartal sollen die Funktionen Notfalldaten-Management und elektronischer Medikationsplan produktiv gehen. Auch der Kommunikationsdienst „KIM – Kommunikation im Medizinwesen“ wird derzeit erfolgreich im Feldtest erprobt.
 
Würden wir in der aktuellen Krise eigentlich besser dastehen, wenn medizinische Anwendungen der Telematikinfrastruktur bereits jetzt nutzbar wären?
Die aktuelle Krise hat in vielen Bereichen verdeutlicht, wie sehr Digitalisierung das Leben erleichtern kann – auch im Gesundheitswesen. Deshalb wäre es großartig, wenn wir medizinische Anwendungen schon im Feld hätten. Aber wir sind auf einem guten Weg.
 
Das heißt, auch während der Corona-Krise ging es voran?
Ja, wir haben tatsächlich Fortschritte erreicht. Schon seit März laufen die ersten Konnektor-Feldtests zu den ersten medizinischen Anwendungen – dem Notfalldaten-Management und dem elektronischen Medikationsplan. Trotz der aktuellen Umstände laufen diese erwartungsgemäß, sodass wir noch im zweiten Quartal mit dem Rollout beginnen und dann in den Produktivbetrieb übergehen können.
 
Und wie funktionieren diese Feldtests?
 
Bald im Einsatz: Der elektronische Medikationsplan
Etwa 70 bis 75 Ärzte in der KV-Region Westfalen-Lippe nehmen an dem Feldtest teil, außerdem Apotheken, die den elektronischen Medikationsplan auslesen können, und auch Krankenhäuser. Der Arzt kann entscheiden, ob er mit Einwilligung des Versicherten einen Notfalldatensatz schreibt, der auf der Gesundheitskarte abgelegt wird. Dieser kann dann bei Bedarf von anderen Ärzten ausgelesen werden und gibt Aufschluss über den Gesundheitszustand. Teilnehmen können alle Versicherten, die in dieser Feldtestregion wohnen und von ihrer Krankenkasse einen Brief mit PIN erhalten haben.
 
Derzeit finden auch die Feldtests mit dem Kommunikationsdienst „Kommunikation im Medizinwesen“ (KIM) statt. Auch diese laufen planmäßig?
Anfangs hatten wir aufgrund von Corona tatsächlich Schwierigkeiten, Installationstermine zu bekommen. In den Praxen herrschte wegen der neuen Situation viel Unsicherheit. Mittlerweile sind wir mit den Ergebnissen sehr zufrieden. Wir gehen davon aus, die Tests erfolgreich abschließen zu können. Auch hier können wir – nach heutigem Stand – im zweiten Quartal mit dem Rollout starten.
 
Wer macht bei diesen Feldtests mit?
Hier nehmen – und das ist das Besondere an KIM – Ärzte, Zahnärzte, ein Krankenhaus und Kassenzahnärztliche Vereinigungen aus Bayern, Baden-Württemberg, Berlin und der Region Nordrhein teil. Das unterstreicht, dass KIM als sicherer Kommunikationsdienst sektorenübergreifend genutzt werden kann. Über KIM lassen sich nicht nur sichere E-Mails, sondern auch elektronische und signierte Arztbriefe übermitteln.
 
Können Sie noch mal ganz kurz erklären, wie KIM funktioniert?
 
KIM verbindet die Akteure des Gesundheitswesens
KIM ist zunächst ein sicherer E-Mail-Austausch für das gesamte Gesundheitswesen. Es ist der erste bundesweit verfügbare und vor allem sektorenübergreifende Dienst, der eine sichere und verlässliche Kommunikation zwischen allen an der Telematikinfrastruktur angeschlossenen Institutionen, Leistungserbringern und Akteuren ermöglicht.

Der Kommunikationsdienst ist aber noch viel mehr. Über ihn können automatisierte und strukturierte Daten übertragen und verarbeitet werden, wie zum Beispiel der elektronische Arztbrief, die elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung für die Krankenkassen oder das gesamte Antrags- und Genehmigungsverfahren im zahnärztlichen Bereich. Also alles, was in den Heil- und Kostenplan gehört. Leistungserbringer können mit KIM Abrechnungsdaten direkt an ihre berufsständischen Organisationen schicken, Labore strukturierte Daten an die jeweiligen Ärzte.
 
Können auch Versicherte KIM nutzen?
In erster Linie richtet sich KIM an Leistungserbringer und Organisationen sowie jede Berufsgruppe, die im Gesundheitswesen aktiv ist. Also den professionellen Teil. Die Versicherten sind derzeit nicht Teil dieser Kommunikation. Dass aber der Bedarf da ist, haben wir erkannt. Künftig wird es deshalb auch Angebote in der Telematikinfrastruktur geben, über die Ärzte und Versicherte sicher miteinander kommunizieren können. Daran arbeiten wir bereits.
 
Wäre es im Sinn der Transparenz nicht auch denkbar, dass alle diese Daten, die über KIM kommuniziert werden, direkt in der ePA des jeweiligen Versicherten erscheinen?
Das ist durchaus denkbar und tatsächlich ein möglicher Anwendungsfall. Ein Befund, der über KIM verschickt wird, könnte etwa vom Facharzt oder vom weiterbehandelnden Arzt in die ePA eingestellt werden.
 
Was sind jetzt die technischen Voraussetzungen für KIM?
Grundsätzlich verwendet KIM die Standardkomponenten, die bereits in den Praxen installiert sind. Der Konnektor kann über ein Software-Update auf die neueste Version aktualisiert werden und ermöglicht so, dass weitere Funktionen wie die qualifizierte elektronische Signatur und die PIN-Funktion sowie das Notfalldaten-Management und der elektronische Medikationsplan zur Verfügung stehen. Zur Legitimation benötigt die Praxis die Institutionskarte und der jeweilige Arzt die personenbezogene Karte, also den Heilberufsausweis. Und sowohl Sender als auch Empfänger benötigen eine gültige KIM-E-Mail-Adresse. Diese Adresse wird in einem zentralen Verzeichnis geführt. Nur an eine Adresse, die dort gelistet ist, können Daten gesendet werden.
 
Wie sicher ist das?
 
Die Nachrichtenübertragung über KIM ist geschützt.
KIM bietet eine Ende-zu-Ende-Verschlüsselung. Jede Nachricht wird automatisch signiert und die E-Mails liegen verschlüsselt auf dem Fachdienst. Und die können nur vom Empfänger abgeholt, entschlüsselt und gelesen werden.
 
Und wer führt das Verzeichnis?
Das machen die Herausgeber der Karte, also die Vereinigungen und Kammern der jeweiligen Sektoren.
 
KIM hieß bisher KOM-LE. Warum wurde der Name geändert – und hat sich mehr als nur der Name geändert?
KOM-LE stand für „Kommunikation Leistungserbringer“. Dieser Begriff schränkte das Vorhaben sprachlich und damit auch in der Wahrnehmung der potenziellen Nutzer ein. KIM steht nicht nur Leistungserbringern, sondern allen Akteuren in der Telematikinfrastruktur offen.
 
Zurück zu den Feldtests. Wie sind die ersten Rückmeldungen?
Diese Tests werden nicht von der gematik, sondern von den Herstellern durchgeführt. Wie wir wissen, war die Resonanz bisher durchweg positiv. Am Ende schauen wir uns alle Ergebnisse noch einmal genau an. Zudem wird der Feldtest durch ein unabhängiges Institut wissenschaftlich begleitet und evaluiert.
 
Und ab wann sind KIM, Notfalldaten-Management und elektronischer Medikationsplan dann im Einsatz?
Im Juli 2020 ist es so weit. Die medizinischen Anwendungen können bundesweit genutzt werden. Ich bin überzeugt davon, dass viele Menschen dann den Mehrwert der Anwendungen erkennen und diese aus der Patientenversorgung bald nicht mehr wegzudenken sind.
 
 
Zur Person
 
Der Wirtschaftsinformatiker Thomas Jenzen ist seit 2019 Projektleiter für die Anwendung „KIM – Kommunikation im Medizinwesen“ bei der gematik. Vor wenigen Wochen übernahm er zudem die Leitung des Projekts DEMIS-SarsCoV-2. Zuvor war er in verschiedenen Positionen für die gematik tätig. So verantwortete Thomas Jenzen als Projektleiter unter anderem den Aufbau des Zulassungssystems und der dazugehörigen Prozesse, die Validierung der Personalisierungs-Daten für eGK, HBA und SMC-B sowie die Betriebsvorbereitung des Online-Produktivbetriebs. Berufsbegleitend absolvierte er von 2016 bis 2018 ein Studium in Prozess- und Projektmanagement.