Die digitale Aufholjagd hat begonnen

Mensch und Meinung

Die gematik ist ohne Frage einer der wichtigsten Akteure bei der Digitalisierung im Gesundheitswesen. Inzwischen hat der Bund 51 Prozent der Anteile übernommen. Außerdem heißt der neue Alleingeschäftsführer seit dem 1. Juli Dr. Markus Leyck Dieken. Er soll dafür sorgen, dass Deutschland nicht den Anschluss verpasst und die wichtigen Digitalisierungsprojekte ePA und E-Rezept fristgerecht starten können.
 
Gesundheitsminister Spahn hat die Kräfteverhältnisse bei der gematik neu gemischt. Und er hat Sie als Alleingeschäftsführer „durchgesetzt“. Das kam bei den anderen Gesellschaftern nicht unbedingt gut an. Hätten Sie sich einen besseren Start gewünscht?
Ich glaube, unsere Gesellschafter konnten sehr gut unterscheiden zwischen der Entscheidung des Bundesgesundheitsministers und der Person des Geschäftsführers. Meine Vorstellungsrunde ist sehr gut verlaufen.
 
Was hat Sie an dem Jobangebot gereizt?
Es gibt kaum einen größeren Hebel im Gesundheitswesen, um dafür zu sorgen, dass die Bevölkerung vom aktuellen medizinischen Wissen profitiert. Für mich als Arzt ist das eine zusätzliche Motivation, da ich viele Situationen erlebt habe, in denen die Behandlungsmöglichkeiten eingeschränkt waren.
 
Sie sind nicht nur Arzt, Sie waren auch viele Jahre als Manager in der Pharmabranche unterwegs. Jetzt der Seitenwechsel in eine semistaatliche Organisation an der Schnittstelle zur Selbstverwaltung, zu den Leistungserbringern und der GKV. Wie war dieser Kulturwechsel?
Ich finde es sehr spannend, jetzt im großen demokratischen Raum unterwegs zu sein. Zugleich bewegen wir uns in einem Markt und sollten keineswegs immer nur vom Gesetz eskortiert werden. Wir müssen mit den Produkten überzeugen. Insofern ist eine Marktorientierung wichtig, wie ich sie mitbringe. Entscheidend ist, dass die deutsche Digitalisierung aus den Regionalprojekten in nationale Projekte hineinläuft.
 
Die gematik stand schon eine Weile in der Kritik. Berechtigt?
Das resultierte aus dem Umfeld und den Bedingungen, in die die gematik gestellt worden war, und aus der Kultur, die sich dadurch innerhalb der gematik entwickelt hatte. Das wurde klar erkannt und der Minister hat deshalb die Bedingungen verändert.
 
Rollenänderung bei der gematik
Was wollen Sie jetzt anders machen, damit es besser läuft?
Die gematik ist in ihrem Modus Operandi komplett verändert worden – und zwar um 180 Grad. War die gematik in der Vergangenheit eine passive Dienstbarkeit, wird sie jetzt zu einem aktiven Haus der Konzeptionen. Das kann sie aber nur, wenn sie ausreichend Kenntnis über die wahren Versorgungssituationen hat. Wir suchen daher die direkte Nähe mit allen Partnern im Gesundheitswesen – Versorger, Krankenkassen und Industrie.
 
Wo sehen Sie die wichtigsten Aufgabenfelder für die kommenden Jahre?
Zunächst in dem Fahrplan, der im Gesetz festgelegt wurde. Wir werden die Einführung der drei Schaufensterprojekte intensiv vorantreiben – das elektronische Rezept bis zum 30. Juni 2020 und die elektronische Patientenakte zum 1. Januar 2021. Die bundesweite Einführung der „Sicheren Kommunikation zwischen Leistungserbringern“ (KOM-LE) ist ebenfalls Grundvoraussetzung für eine weitere Digitalisierung. An der arbeiten wir zurzeit sehr aktiv. Außerdem müssen wir uns über das Setzen von Standards bei der Digitalisierung Gedanken machen.
 
Warum?
Im Rahmen der EU-E-Health-Strategie, die die Bundesregierung während ihrer EU-Ratspräsidentschaft mit artikulieren will, müssen wir uns über Standards unterhalten, die international brückenfähig sind. Das ist bislang so nicht der Fall. Zudem brauchen unsere Industriepartner eine Verbindlichkeit, auf welcher Basis sie entwickeln können.
 
Was hat die größte Priorität für die gematik?
Allen ist bewusst: Die elektronische Patientenakte wird das Absprungbrett für alle weiteren wichtigen Digitalisierungsschritte sein. Es ist aber auch das Projekt mit der höchsten Komplexität. Die größte Auswirkung hingegen wird das elektronische Rezept haben – einfach weil es gesetzliche und private Versicherte betrifft. Und weil es mit 1,3 Millionen Rezepten pro Tag viele Berührungspunkte geben wird. Die Anwendung „Sichere Kommunikation zwischen Leistungserbringern“ ist sehr komplex – vor allem, weil wir ja auch alle weiteren Heilberufe anbinden wollen. Viele Aspekte müssen dabei in einem Staatsvertrag und in anderen Bereichen geregelt werden, die außerhalb der gematik liegen.
 
Sie haben erwähnt, die gematik wird jetzt einen aktiveren Part übernehmen. Ist sie dafür überhaupt inhaltlich und personell aufgestellt?
Die größte Veränderung ist, unser vorhandenes Wissen anders einzusetzen. Wir werden in unserem Haus ein Forum einrichten, in dem wir Gäste empfangen und die Debatte ins Haus holen. Außerdem werden sich die Mitarbeiter bundesweit in Pilotprojekte einbringen, um sich selbst die Versorgungssituation anzuschauen und zu lernen, wie im Einzelnen die kleinen, aber sehr wichtigen Schritte ablaufen. Zum Beispiel beim E-Rezept: Wie viele Haken kann der Arzt heute in einem Rezept setzen und wie viele handschriftliche Ergänzungen macht er? Das müssen wir alles berücksichtigen. Aber die digitale Kompetenz ist in unserem Haus in technischer Hinsicht bereits sehr breit vorhanden. Wir verfügen sogar über eine Forschungsabteilung, die weit vorausdenkt und mit der Avantgarde mithalten kann.
 
Kommt sicher: Erleichterung dank ePA
Noch mal zurück zur elektronischen Patientenakte: Sie glauben, dass die Fristen eingehalten werden können?
Wir gehen fest davon aus. Die Arbeit der gematik besteht grundsätzlich aus drei Phasen: der Konzeptions-, der Test- sowie der Zertifizierungs- und Zulassungsphase. Alle drei werden einer Reform unterzogen, damit alle Beteiligten mehr Sicherheit haben und rechtzeitig zum Termin fertig werden können.
 
Die gematik ist 2005 gegründet worden. Das war eine andere Welt damals. Kaum zwei Jahre später hat das iPhone alles rasant verändert. Ist eine Organisation wie die gematik überhaupt in der Lage, mit so einer Entwicklung Schritt zu halten?
Wir waren und sind immer in engem Dialog mit den Herstellern von Smartphones. Wir waren diejenigen, die auf die Krankenkassen zugegangen sind. Denn wir wollten klären, ob das Design der neuen elektronischen Gesundheitskarte aufgefrischt werden kann, um damit das Neue daran auch visuell zu vermitteln. Alleine daran wird deutlich, dass unsere Mitarbeiter nach vorne denken.
 
Die Frage bezog sich jetzt nicht so sehr konkret auf die Mitarbeiter, sondern ob eine Organisation wie die gematik mit der Entwicklung, wie sie von den Internetgiganten vorangetrieben wird, mithalten kann.
Ja, aber dafür braucht sie unbedingt ein Mandat: politisch, gesetzgeberisch und regulatorisch. Und dann ist sie der beste Adressat, weil wir eine bundesweite Lösung anstreben.
 
Zurück zur eGK. Ihr Konzept ist noch älter. Ist sie in Zeiten von Apps und Smartphone überhaupt noch zeitgemäß?
Die elektronische Gesundheitskarte hat nach wie vor ihre – nicht ganz unbedeutende – Rolle, um beispielsweise Notfalldaten auf einem Datenträger zu speichern, den ich immer bei mir trage. Aber ja, mit der Digitalisierung läuft die Zeit solcher Datenträger ab. Das signalisieren wir mit dem neuen Gesellschafternamen, aus dem wir den Begriff „Gesundheitskarte“ gestrichen haben.
 
Zum Schluss: Was muss sich ganz grundsätzlich hier ändern, damit die Digitalisierung jetzt zügig voranschreiten kann?
Zunächst brauchen wir eine klare demokratische Entscheidung, dass es nur bundesweit weitergehen kann. Kersti Kaljulaid, die estnische Staatspräsidentin, hat uns kürzlich bei einem Besuch auf viele wichtige Punkte hingewiesen, bei denen die Bevölkerung sich einig werden muss: Jedem Menschen gehören seine Daten und er kann über diese frei verfügen. Dazu gehört auch, dass er Daten löschen kann, wenn er das möchte. Ich als Arzt kann nicht nachvollziehen, wenn Ärzte immer noch erstaunt sind, dass Patienten Daten in ihren eigenen Akten löschen können. Das ist ein Grundprinzip. Die nordischen Länder haben – auch außerhalb des Gesundheitswesens – anerkannt, dass es nur weitergeht, wenn die Präambel ganz klar lautet: Jeder Mensch ist Herr seines Körpers und seiner Daten. Diese Debatte muss in Deutschland noch geführt werden. Außerdem brauchen wir eine ethische Debatte über den Datenschutz.
 
Was meinen Sie damit?
Aufgrund mangelnder Digitalisierung erhalten viele Menschen in Deutschland nicht die Behandlung, die sie haben könnten. Klassisches Beispiel sind die sehr gut geführten Register in den nordischen Ländern. Beim Impfstoff gegen den „Humanen Papillomvirus“, der Frauen – und wahrscheinlich auch Männer – gegen Krebs schützen kann, haben wir eine Impfungsrate von unter 50 Prozent. In Schweden sind es annähernd 100 Prozent. Die mangelnde Digitalisierung hierzulande ist die Ursache, dass das aktuelle Wissen in der Prävention, Prognose oder Therapie nicht bei den Versicherten ankommt. Diese Debatte über die Abwägungen beim Datenschutz müssen wir führen. Aber die digitale Aufholjagd hat begonnen, weil wir uns nicht leisten können, weiter stehen zu bleiben.
 
Zur Person
Dr. Markus Leyck Dieken ist seit dem 1. Juli 2019 Alleingeschäftsführer der gematik. Von Hause aus ist er Internist und Notfallmediziner. Er promovierte 2001 an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg in Endokrinologie. Seine siebenjährige klinische Erfahrung umfasst stationäre und ambulante Tätigkeiten in Deutschland und Brasilien. Er hat zudem als Manager in der Pharmabranche gearbeitet. So führte er für die dänische Pharmafirma Novo Nordisk als Medical Director Europe Central eine Diabetestherapie auf dem Markt ein und errichtete für das kalifornische Biotech-Unternehmen Inter-Mune die erste Europa-Niederlassung. Im Auftrag für den israelischen Pharmakonzern Teva Pharmaceuticals führte er Originalprodukt-Firmen unter einem Dach zusammen und transformierte als Vorsitzender der Geschäftsführung die Teva ratiopharm Gruppe zur digitalen Innovation. Unter anderem war er dort auch globaler Leiter des Zukunftsprogramms Teva 2021 für die digitale Patientenversorgung. Vor seinem Amtsantritt bei der gematik baute er als Senior Vice President Geschäftsführer Deutschland des japanischen Pharmaunternehmens Shionogi Europe die Deutschland-Niederlassung zur Einführung eines Antibiotikums bei Bakterien-Resistenzen mit höchster WHO-Priorität auf.