Unsere Stadt soll klüger werden

Zukunft und Technologie

Die meisten Menschen auf der Welt leben in Städten, derzeit rund 55 Prozent – und die Quote wird sich in den nächsten Jahren dramatisch verändern. Demografischer Wandel, Klimawandel und Megacitys – um diese Herausforderungen zu meistern, werden sich die Städte neu erfinden müssen. Das Schlagwort heißt dabei Smart City.
 
 
Die Städte explodieren
Berlin, Frankfurt oder Hamburg – ähnlich wie zu Zeiten der industriellen Revolution ziehen immer mehr Menschen in die Städte. Hierzulande wachsen diese mal schneller, mal langsamer. In den Entwicklungsländern oder in Asien ist das Wachstum vieler Städte, Metropolregionen oder auch ganzer Regionen schon fast explosionsartig. In Tokio/Yokohama leben derzeit 38 Millionen Menschen, in Jakarta 34 und in Delhi 28. Das Gangesdelta ist das weltweit größte Flussdelta. Sein Einzugsgebiet erstreckt sich über Indien, die Volksrepublik China, Bhutan, Nepal, Myanmar und Bangladesch. Hier leben 150 Millionen Menschen auf engem Raum, im Nildelta mit Kairo 60. Das Ruhrgebiet ist auf Platz 59 der größten Metropolregionen mit rund 6,6 Millionen Einwohnern. Die Ursachen für das Wachstum der Städte sind weltweit unterschiedlich, die gesellschaftlichen und technischen Veränderungen aufgrund der digitalen Revolution sind natürlich ein wichtiger Faktor dabei. Gleichzeitig werden die immensen Herausforderungen, solche Städte nachhaltig und lebenswert zu gestalten, nur mithilfe des technischen Fortschritts zu lösen sein.
 
 
Hamburg ist am smartesten
Bereits vor drei Jahren suchten die Bitkom und der Deutsche Städtetag die „digitale Stadt“. Vierzehn Städte bewarben sich, Heidelberg, Kaiserslautern, Paderborn, Wolfsburg und Darmstadt kamen in die Endrunde. Den Titel trägt inzwischen Darmstadt. Mithilfe digitaler Innovationen und smarter Vernetzung soll die Stadt zu einem Leuchtturmprojekt ausgebaut werden. Einiges ist umgesetzt worden, bis zu einer volldigitalisierten Stadt mit intelligenter Mobilitätsstruktur, einer digitalen und bürgernahen Verwaltung und einer nachhaltigen Entwicklung ist es aber noch ein weiter Weg. Im aktuellen Ranking der smartesten Städte Deutschlands, das ebenfalls von der Bitkom erstellt wird, landet Darmstadt nur auf Platz 10. Etwas überraschend ist Hamburg die digitalste Stadt, gefolgt von Karlsruhe, Stuttgart, Berlin und München. Insgesamt schnitten vor allem Städte in Hessen und Baden-Württemberg sehr gut ab, aber auch Nordrhein-Westfalen steht gut da. Die fünf Indikatoren für das Ranking waren Verwaltung mit E-Payment, City-Apps oder Online-Bürgerservices, Qualität der IT-Infrastruktur, Energie und Umwelt mit der Anzahl von E-Fahrzeugen oder smarte Entsorgung, Mobilität mit intelligenten Ampeln, Car-Sharing oder Handytickets für den ÖPNV sowie die Rubrik Gesellschaft mit Plattformen für Bürgerbeteiligung, Geodaten und Open Data oder Coworking-Areas. Hamburg punktete im Ranking vor allem in Gesellschafts- und Umweltfragen: Smart Waste, City-Logistik oder eine Open-Data-Plattform sind im Norden schon im Einsatz. Karlsruhe überzeugt dagegen als Car-Sharing-Hauptstadt und mit einer multifunktionalen Behörden-App. „Die Idee hinter Smart City finde ich superspannend. Ich hatte schon im sysTEMATIC 02-2019 über meine Eindrücke aus Estland dazu berichtet. Die aktuellen Projekte bringen uns wertvolle Erkenntnisse, wie durch die Digitalisierung Lebensqualität erhöht werden kann, unter anderem bei der Versorgung mit Produkten und Dienstleistungen, bei Umweltaspekten und im Hinblick auf Kosteneffizienz. E-Health gehört natürlich auch dazu. Ich verfolge die Projekte mit großem Interesse und bin überzeugt, dass die Menschen dadurch mehr Zeit für das Wesentliche gewinnen – zum Beispiel die Familie“, sagt Daniel Ridder, Leiter der Stabsstelle Strategie und Innovationsmanagement bei der AOK Systems.
 
 
Die Zukunft heißt Palette
 
Die Automatisierung wird unser Stadtleben verändern
Bis sich intelligente Städte selbst mit Energie versorgen und sauber halten, in denen Roboter unangenehme und monotone Arbeiten verrichten, Drohnen und sogar Drohnentaxis fliegen und Menschen und Waren abliefern, während selbst fahrende Fahrzeuge unfallfrei und emissionsfrei durch grüne Städte gleiten, ist noch viel technische Innovation nötig. Die Städte in den westlichen Industrieländern so umzubauen, ist auch nicht einfach. Einfach neu bauen geht auch nicht – auf jeden Fall nicht hierzulande. In China ist das anders. Bereits seit Jahrzehnten zieht das Reich der Mitte eine Millionenstadt nach der nächsten hoch – komplett am Reißbrett geplant und für die Zukunft gedacht. Das neueste Megaprojekt ist die Region am Perflussdelta: Hongkong, die Hightech-Metropole Shenzhen, Dongguan und Guangzhou. Die Hongkong-Zhuhai-Macau-Brücke führt 55 Kilometer über das Meer und soll helfen, hier den größten Ballungsraum der Welt zu schaffen – eine smarte Mega-Metropolregion. Überall auf der Welt entstehen derzeit ganze Städte oder ambitionierte Pilotprojekte. Gerade erst hat Toyota „Woven City“, die „Verflochtene Stadt“, angekündigt. Nicht überraschend, dass hier vor allem die Mobilität der Zukunft in einem LivingLab, also in einem lebenden Labor, entwickelt und getestet werden soll. Auf 70 Hektar entsteht ein neuer Stadtteil für rund 2.000 Menschen. Fußgänger, Radfahrer und Autos teilen sich auf eine ganz neue intelligente Weise die Straße. Die Gebäude sind aus Holz gefertigt, Brennstoffzellen verschwinden in der Erde, die Rohenergie liefert Solarzellen auf den Dächern. Generationenübergreifend sollen die Menschen zusammenleben, Roboter übernehmen viele Arbeiten, die Autos sind selbstfahrend. Auch Agrarwirtschaft soll in dieser neuen Stadt betrieben werden und ein neuartiges Gesundheitswesen die Versorgung der Menschen verbessern. Ein Kernelement werden autonome Nutzfahrzeuge sein, die als Taxis, Busse, Büros, Supermärkte oder Arztpraxen ausgerüstet werden können. E-Palette heißt das System von Toyota, das bereits entwickelt ist und bei den Olympischen Spielen zum ersten Mal zum Einsatz kommen soll.
 
Das Ende der Anonymität
 
Bisher nur auf Plätzen realisiert, bald überall: die Überwachung
Auch bei Google laufen längst die Planungen für eine Smart City. Dafür hat sich das Unternehmen bereits 2017 das Recht gesichert, in Toronto einen ganzen neuen Stadtteil zu erschließen. Auch hier spielen Solarzellen, Gebäude aus Holz und unterirdische Versorgungs- und Entsorgungskanäle eine wichtige Rolle. Unzählige Sensoren in Straßenlampen, der Fahrbahn, dem Bürgersteig oder selbst den Wohnungen sollen das Leben optimieren – und machen die Bewohner aber gleichzeitig gläsern. Datenschutz und Persönlichkeitsrechte spielen im „Westen“ bei der Digitalisierung eine große Rolle – in autoritären Ländern wie China, aber auch etwa in Südkorea ist das nicht so. Bereits 2003 wurde an der Westküste Südkoreas Land aufgeschüttet und eine komplett neue Stadt gebaut. 150.000 Menschen leben schon in Songdo, 260.000 sollen es mal werden. Breite Radwege durchziehen die Stadt und die unzähligen Grünanlagen. Die Hochhäuser sind mit Solarmodulen gespickt, es gibt Regenwasserspeicher und das Abwasser wird aufbereitet. Über unterirdische Rohrleitungen wird der Müll entsorgt. Noch rauscht aber viel Plastik durch die Rohre, denn die Koreaner sind Weltmeister beim Plastikverbrauch. Auch die großen achtspurigen Straßen passen nicht so ganz zum Nachhaltigkeitskonzept, aber die Koreaner sind auch eine Autonation – wie die Deutschen. Die Stadt ist allerdings durchdigitalisiert. Das bedeutet auch, dass alles und jeder vollständig von Kameras überwacht wird. Die Einwohner haben damit kein Problem, viele würden sich sogar noch mehr Kameras wünschen. In Deutschland wäre dies unvorstellbar. Ein weiteres Problem dieser smarten Städte: Wer dort wohnen will, braucht das nötige Kleingeld. Noch sind dies alles keine Konzepte für die breite Bevölkerung.
 
 
Utopie auf Sand gebaut
Dies gilt erst recht für die Krönung unter den Smart Cities – auch wenn es bisher noch nichts Handfestes gibt. Für 500 Milliarden Dollar will Saudi-Arabien eine neue Stadt bauen: Neom. Neo bedeutet auf Griechisch neu, mustaqbai heißt auf Arabisch Zukunft – über 26.000 Quadratkilometer soll sich die Stadt erstrecken und wäre so damit größer als Mecklenburg-Vorpommern. Noch besteht die neue Stadt, die sich auch über Gebiete von Ägypten und Jordanien erstrecken würde, nur aus Steinwüste und Salzwasser. Aber bereits Ende 2020 soll ein erster wichtiger und bahnbrechender Baustein fertiggestellt sein: eine riesige Solarkuppel, die mithilfe von Sonnenkraft Salzwasser zu Trinkwasser aufbereitet. Und zwar in einer Menge und zu einem Preis, der den Wasserentsalzungsprozess revolutionieren würde. Die Entwicklung von Neom liegt in deutschen Händen: Verwaltungschef ist Klaus Kleinfeld, der ehemalige CEO von Siemens. Die Stadt selbst soll in allen Bereichen die beste und modernste Technik bieten. Saudi-Arabien spricht vom modernsten Technologiepark der Welt. Sogar eine eigene Rechtsprechung ist vorgesehen. Gehwege und Straßen sollen erst gar nicht gebaut werden, da die Bewohner sich mit Flugtaxis bewegen werden, während Roboter ihre Häuser aufräumen und putzen. Es soll das modernste Bildungssystem der Welt bekommen mit einer sogenannten Hologramm-Fakultät. Nicht nur das hört sich sehr utopisch an. Das Wetter soll künstlich reguliert werden, die medizinische Forschung soll sich der Veränderung des Erbgutes widmen, um die Menschen widerstandsfähiger zu machen. Der Sandstrand soll nachts silbern leuchten. Und in Neom leben dann die intelligentesten Köpfe der Welt. Es stellt sich die Frage, wer sich das wirklich leisten kann – und wer das will. Treibender Kopf dahinter ist Kronprinz Mohammed bin Salman, der mit der Ermordung eines Regimekritikers in Verbindung gebracht wird und in der internationalen Kritik steht. Auch wenn es angeblich keine Einschränkung der Rechte durch den sozialen Status oder das Geschlecht geben soll, lassen die Pläne für ein neuartiges Rechtssystem aufhorchen. Kameras, Drohen und eine KI sollen alles und jeden überwachen: eine automatische Stadt, in der Computer Straftaten entdecken und eigenständig an spezielle Richter melden. Dieser Teil der Utopie hört sich sicherlich nicht nach einer Stadt an, in der man leben möchte.